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Komplexe Melancholie

GONE BALD haben mit „Soul vacation in rehab clinic“ ein wirklich so gutes Album hingelegt, dass man fast leicht verzagt dem Interviewtermin entgegenblickt. Man befürchtet ein wenig eine Entzauberung des Sounds, vor allem des Bildes, dass man sich an vielen Abenden von den Menschen gebastelt hat, die dieses wunderbare Werk in Sachen modern Noise eingespielt haben.

Sicherlich hat man sich inzwischen schon längst von idiotischen Idolatrien verabschiedet. Doch entscheidet natürlich immer auch die Sympathie/Antipathie mit über eine Band. Auch rückwirkend. Statt Entzauberung findet man bei Gone Bald aber glücklicherweise nur eine Bestätigung. Insbesondere Sänger und Hauptsongwriter Razorblade Jr ist die sympathisch charismatische Persönlichkeit, die auch livehaftig genug Projektionsfläche für ureigene „Basteleien“ bietet.

nN: Was mir an Eurer Musik sehr gefällt ist, dass sie recht komplex und doch so melancholisch ist.
Razorblade Jr. [R]: Yeah, that´s how I am!
nN: Trifft das auf Euch auch zu?
Stijn [S]: Gute Frage ... Deshalb sind wir in der Band.
R: Für mich ist das der Beweggrund zur Musik, da ich sehr kompliziert, melancholisch und emotional bin.
S: Die Songs für das „Soul Vacation“ Album waren ja die ersten, an denen ich beteiligt war, da ich ja erst später in die Band gekommen bin. Aber es ist sehr einfach sich einzufühlen. Die Songs von Razorblade bedeuten ihm wirklich alles. Deshalb muss man keinerlei Bedenken haben. Man muss nichts von sich verstecken, weil alles was er macht so echt ist. Daher ist es so angenehm in einer Band zu sein, wo man sich so zeigen kann, wie man wirklich ist, weil nicht zuletzt eine Person da ist, die einfach alles zeigt.

nN: Das neue Album klingt im Gegensatz zu den alten Songs nicht so destruktiv. Es klingt irgendwie ehrlicher und kraftvoller. Destruktivität auf einem höheren, positiveren Level.
R: Du sprichst gerade eine sehr interessante Sache an. Das vorletzte Album, S. O. S., war ein total destruktives Album. Technisch zwar perfekt, aber sehr destruktiv - definitiv. Ich erinnere mich, dass mir Leute aus Kroatien - die ich nicht einmal kannte – über Freunde ausrichten ließen: „Bitte bring Dich nicht um. Warte noch etwas ab“. „Soul Vacation“ ist auch destruktiv auf seine Art, aber mit der Energie des Noise Rocks. Das Destruktive ist mir inzwischen zu banal geworden. Es war einfach alles so offensichtlich. Die neue Ausrichtung bei „Soul Vacation“ liegt zwischen Verlust und Traurigkeit, aber auch einem Neubeginn.
nN: Es klingt trotz allem irgendwie hoffnungsvoll.
R: Yeah, that´s it! Hoffnungsvoll, genau.

nN: Ist der Titel als ironisches Statement gegenüber den Leuten aus Kroatien zu verstehen, die Du eben erwähnt hast?
R: Nein, es ist nicht ironisch gemeint. Ich hab mich in diesem Moment einfach so gefühlt.
nN: Es ist zu einfach immer nur zu hassen, oder?
R: Neben dieser neuen Hoffnung die du bemerkt hast, was mich übrigens sehr freut, finde ich, dass dieses Destruktivität über die wir gesprochen haben, die Traurigkeit und der Verlust, eine andere Seite des Albums sind. Auch hiervon steckt viel darin. Ich denke, dass diese Hoffnung die Erholung ist. Als ich mit den neuen Bandmitgliedern zu spielen begann, war das ein totaler Neuanfang und ich fühlte mich sehr befreit. Die Traurigkeit, der Verlust und einige schreckliche Dinge, die passiert sind, waren sehr belastend. Diese ‚soul vacation’ gibt es nur wegen ihnen. Alles andere war nicht besonders positiv.

nN: Hast Du mit den beiden auch neue Hoffnung bekommen?
R: Ich habe insbesondere Hoffnung wegen ihm bekommen (deutet auf Stijn). Nach zehn Jahren habe ich endlich die beiden gefunden, die absolut verstehen, was ich fühle, denke und tue.

nN: Du bist demnach das einzige Originalmitglied?
R: Ja, es gab viele Besetzungswechsel. Die anderen Originalmitglieder spielen jetzt bei Lunar. Wir haben „Soul Vacation in ihrem Studio aufgenommen.

nN: Du bist ja ursprünglich aus Kroatien. Stellenweise klingt das Album etwas nach dortigen Folk-Einflüssen. Liege ich da richtig?
R: Es gibt keine Folk-Einflüsse auf dem Album, aber es gibt einige Songs mit kroatischen Lyrics.
nN: Zumindest bei „Maria“ war ich mir sicher.
R. Ah, du meinst „Maria“. Ich verstehe. Dieser Song ist eine Hommage an die Melancholie. Dieser Song, auch wenn er musikalisch nicht so klingt, ist durch und durch melancholisch. Er verhandelt das Gefühl über das Meer und die Freiheit für einen Monat das tun zu können, was immer man möchte. Ohne jegliche Einschränkungen. Und die Liebe, das Versprechen und unter freiem Himmel schlafen. Weißt du was „Pina, Nina, Santa Maria“ bedeutet?
nN: Ähm, nein.
R: Es sind die drei Schiffe, mit denen Kolumbus auf seine Entdeckungsreise ging.
nN: Es geht also auch hier um einen Neuanfang, Aufbruch, Entdeckungen?
R: Ganz genau.
nN: Ich dachte ja Du hättest eventuell etwas Heimweh.
R: Natürlich habe ich auch Heimweh, aber es gibt definitiv keine Folk-Einflüsse auf dem Album. Dafür gibt es aber auf jedem Album einen Song über Kroatien. Ich habe aber nie Folk gehört. Mein Haupteinfluss sind eigentlich Filme. Als ich im Kindergarten war, hat mich mein Vater ständig mit ins Kino genommen. Meine erste Liebe waren Filme. Ich denke, dass ein Großteil meiner Musik von Filmen beeinflusst ist.
nN: Von daher vielleicht auch diese Weite in den Songs?
R: Ja, definitiv.
nN: Welcher Film spielt sich bei Dir auf der Bühne ab? Gibt es vielleicht einen bestimmten Film für jeden Song?
R: Ja, wie gesagt, Filme spielen eine sehr große Rolle in meinem Leben und sie haben eine enge Verbindung zu den Gone Bald Songs. Sie sind zwar kein direkter Einfluss für den Sound von Gone Bald, es existiert aber für mich persönlich eine vergleichbare Leidenschaft für diese Kunst wie für die Musik. Ich bin aber denke ich nicht der Einzige dem es so geht. Filme beeinflussen zwar manchmal die Songs, aber nicht den Sound, sondern eher die Geschichten und Themen in ihnen. Während ich spiele gehen mir meistens die Filme durch den Kopf, von denen der jeweilige Song gerade handelt, in Verbindung mit recht unvorhergesehenen Eruptionen ganz eigener Gedanken.

nN: Was geschieht im Kopf während der instrumental Parts? Gibt es eine besondere mentale Anspannung während der Breaks?
S: Ich denke, diese Momente sind genau jene, warum man in einer Band ist. Mit ihr kann man Gefühle kreieren, wie man es niemals alleine könnte. You do it and feel where it takes you, that's the pleasure, and thrill.

www.noisy-neighbours.de

Christian Eder

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